from Die
Jüdische Welt, A fortnightly Section of Aufbau
Vol. VIII, #45
– November 6, 1942
Das
Pariatum der Juden
Von Aron Gurwitsch
Research Fellow, American Philosophical Association
Es wäre kaum zu begreifen, dass die
Dreyfus-Affäre zum politischen Zionismus hat führen können, der ersten
politischen Bewegung des jüdischen Volkes vielleicht seit dem Verlust seiner
Selbstständigkeit, bestimmt aber seit dem 14. Jahrhundert (Sabbatai Zwi[?]),
wäre sie nur ein Zufall gewesen, ein zufälliger Justizirrtum, zufällig gerade
an einem jüdischen Offizier begangen. In Wahrheit war sie ein Politikum
allererster Ordnung und gehört also solches zusammen mit den Ahlwardt- und
Leuger-Bewegungen in
Die Dreyfus-Affäre wird unter ihrem politischen Aspekt in der vorliegenden Studie (Hannah Arendt: From the Dreyfus-Affair to France Today.” In Jewish Social Studies, Vol. IV, 1942, pp. 196-240) betrachtet, die der Aufmerksamkeit aller empfehlen sei, die irgendwie etwas mit jüdischer Politik zu tun haben. Aus den weitverzweigten Untersuchungen kann hier nur die These hervorgehoben werden, die für das Verständnis unserer aktuellen politischen Situation geradezu grundlegende Bedeutung hat: das Pariatum der Juden.
Es sieht wie eine paradoxe Ironie aus und verrät doch eine tiefe Logik, dass die Paria-Situation sich an dem Schicksal eines Mitgliedes derjenigen jüdischen Kreise enthüllt, die, nachdem die Judenheit ihren früheren Zusammenhalt verloren hatte, versuchen, sich mit irgendeiner Schicht der nichtjüdischen Gesellschaft zu identifizieren. In ihrem Bemühen um Assimilation sind diese Kreise bis zum Antisemitismus gegangen, d. h. sie haben den Armen, neu eingewanderten Juden, sog. “Ostjuden”, gegenüber genau die gleiche Haltung eingenommen, die die Gesellschaft mit der sie sich zu identifizieren versuchten, ihnen gegenüber einnahm. Das Offizierspatent sollte die Desertion vom eigenen Volke sanktionieren. Gerade am ersten jüdischen Offizier im französischen Generalstab wird die jüdische Paria-Situation sichtbar, weil der Parvenn, wie weit er es auch geschafft hat, doch ein Paria ist und bleibt, und aus Paria-Motiven handelt, nur eben aus Motiven eines “verschämten Paria”, d. h. eines solchen, der es nicht sein und es nicht wahr haben will, dass er einer ist.
Mit Paria-Situation ist der Umstand gemeint, dass die Juden niemals zu irgendeiner Schicht der gesellschaft gehörten, auch und gerade nicht zur liberalen Bourgeoisie. Solange der Dualismus zwischen Staat und Gesellschaft bestand, wurden die nicht zur Gesellschaft gehörenden Juden vom Staate geschützt um der wichtigen und notwendigen Funktion willen, die sie als Finanziers für den Staat erfüllten. Das parlamentarische Regime bedeutet insofern ein Ende des Dualismus, als die in Interessengruppen aufgelöste Bourgeoisie sich des Staates bemächtigt, den jede dieser Gruppen zu ihrem Beutefeld zu machen sucht. Damit verlieren die Juden ihre vormalige positive und produktive Funktion: aus den geschützten Parias, die sie gewesen waren, werden sie zu ungeschützten Parias, d. h. zu Parias im eigentlichtsten Sinne.
Das zeigt sich and dem Alibi, das die Juden in der Dreyfus-Affäre wie sptäer immer wieder unter ähnlich gelagerten Verhältnissen einer zerfallenden Gesellschaft liefern. Gerät der Staat in die Hände rivalisierender Interessentengruppe, so wird Politik zur Vertretung von Gruppeninteressen mit den Mitteln der Korruption. Diesen Zustand zu schaffen hatten die Juden nie und nirgends die Macht. Aber es gab jüdische Geschäftsleute, die auf einem aus ganz anderen Gründen in Fäulnis geratenen politischen Körper sich als Parasiten ansiedelten. Herausgedrängt aus der überflüssig gewordenen Funktion, für die Finanzen des Staates zu arbeiten, werden jüdische Geldleute zu Mittelmännern der Korruption.
Die Paria-Situation der Juden tritt weiter in der erstaunlichen Tatsache zutage, dass der Kampf für Dreyfus von keiner geschlossenen sozialen oder politischen Gruppe geführt wurde. Auch von den Sozialisten nicht. Die traten erst in Erscheinung, als sich herausstellte, dass es nicht nur für “abstrakte Gerechtigkeit an sich” und um die Ehre der Republik ging, sondern – zum mindesten auch – um viel “Konkreteres”: gegen den Klassenfeind und damit – wenigstens indirekt – für die Interessen der Arbeiter. Der Kampf um Dreyfus wurde von einer kleinen Zahl von Männern begonnen, die sich um Clemenceau sammelten. Diese Männer kamen aus den verschiedensten Richtungen, sie bildeten in keiner Hinsicht eine irgendwie homogen Gruppe, sie hatten kaum etwas gemeinsam ausser dem von Clemenceau proklamierten “abstrakten” Prinzip: das Unrecht an einem Einzelnen ist die Bedrohung und Gefährdung eines Jeden. Mit diesem “abstrakten” Prinzip gelang es Clemenceau, den Kampf um Dreyfus in alle Teile des französischen Volkes zu tragen und einen Teil der Franzosen zu ihrer grossen und stolzen Jacobinischen Tradition zurückzuführen. Es ist für den Paria charakteristisch, dass seine Rechte und Lebensmöglichkeiten aussschliesslich[3 s’s?] auf dieser Abstraktion basieren, die Clemenceau dem Nihilismus jener Intellektuellen entgegenstellte, die, mit der abstrakten Vernunft zerfallen, beherzt den nicht allzu langen Weg einschlugen vom Aesthetentum zur “konkreten” und integralen Barbarei, einschliessllich der Bewunderung für eine Unterweltsfigur, die sich allerdings ausgezeichnet auf die Organisation des Pöbels verstand. In dieser Heldenverehrung fanden die bewussten Intellektuellen sich mit hochgestellten Damen der Gesellschaft, was wiederum zeigt, wie sehr die Bourgeoisie alle moralischen Standards aufgegeben hatte.
Weil an der Dreyfus-Affäre die Paria-Situation der Juden hat sichtbar werden können, ist aus ihr der politische Zionismus erwachsen. Der europäisierte Jude, aufgewachsen und erzogen im Europa des 19. Jahrhunderts konnte weder in die Enge des Ghettos zurück noch in die Beschränkheit einer der vielen Gruppen und Cliquen, in die die vormals geschlossene Judenheit sich aufgespalten hatte. Da er als Jude leben musste und nur als Freier und Gleicher leben konnte, wurde der europäisierte Jude – und europäisiert ist etwas völlig anderes als assimiliert – von der Erkenntnis der Paria-Situation dazu gebracht, das Volk auf den Weg der nationalen Befreiung zu bringen. Entsprechend schliesst die Studie mit einer Gegenüberstellung von Herzl und Bernard Lazare.
Die historische Bedeutung des Zionismus liegt darin, dass der Wille zur Staatlichkeit in einem Volke proklamiert wurde, dessen einer Teil in den Städtchen Osteuropas vegetierte, während der andere Teil einem Prozess des Zerfalls und der Demoralisierung anheimgefallen war. In diesem Willen zur Staatlichkeit lag die revolutionierende Kraft des Zionismus. Die Erweichung dieses Willens ist ein trauriges Phänomen in der schmerzhaften jüdischen Geschichte der letzten 20 Jahre. Ginge man dieser Erweichung nach, so würde man wieder auf den jüdischen Plutokraten stossen, jene Fingur, die, wie die vorliegende Studie erneut zeigt, von Anbeginn seiner nationalen Emanzipationsbewegung an dem jüdischen Volke den Weg in die Freiheit zu vertreten suchte.